Sonntag, 12. August 2012

Ex Drummer (2007)

"Man muss wissen, woher der Wind weht und dafür sorgen, dass einen das Elend nicht fertig macht. Mehr ist es nicht." 

Dries Van Hegen ist ein erfolgreicher Schriftsteller, dessen Leben perfekt zu sein scheint: Er lebt wohlhabend in einem luxuriösem Apartment mit wunderbarem Ausblick auf die Stadt, er ist sowohl musikalisch als auch im Bezug auf sein normales Berufsleben sehr talentiert und er genießt die Freiheit, den Geschlechtsakt mit mehreren Frauen gleichzeitig auszuüben. Dennoch wird er uns als eine Person vorgestellt, die scheinbar an Selbstzweifel erstickt und sich vor Groupies kaum retten kann, die sich tagtäglich vor seiner Tür sammeln. So auch 3 heruntergekommene Loser, die einen Drummer für ihre Band suchen..

Frauenhasser und Nazi Koen (Norman Baert), der homosexuelle Jan (Gunter Lamoot) und der halbtaube Choleriker Ivan (Sam Louwyck) sind die 3 Gestalten, die eine Person um Hilfe bitten, die gegensätzlicher nicht sein könnte.
Dries ist sich zuerst nicht sicher, doch nach etwas Zeit der Überlegung entschließt er sich, bei der Sache mitzumachen. Er möchte von seinem Thron hinab in den Dreck steigen, eine andere Welt miterleben. Dabei erhofft er sich die Sicherheit, jederzeit auszusteigen und sein altes Leben weiterführen zu können. Und so kommt es, dass er sich der Gruppe anschließt. Drei gescheiterte Existenzen und der selbstverliebte Schönling Dries ergeben das Quartett mit dem mindestens ebenso absurden Titel "The Feminists", dessen fragile Existenz der Zuschauer nun miterleben darf. Dieser wird Zeuge des zynisches Spiels Van Hegens, der seine Bandkollegen ohne Scham ausspielt und sie dazu treibt, sich gegenseitig fertig zu machen. Dabei wird man durch Bruchbuden, Alkohol- und Drogenexzesse sowie einer Menge Gewalt geführt.


Regisseur Koen Mortier schafft es mit erstaunlich wenig Mitteln erstaunlich viel Eindruck zu schinden. So gestaltet sich die Eröffnung des Films als sehr innovativ: Rücklaufend sieht man den Weg der drei Versager zur Wohnung Dries'. Die Namen der mitwirkenden Kräfte wurden hierbei geschickt in Werbeanzeigen oder Markennamen implementiert, die Namen der Akteure tragen diese mit einem Filzstift geschrieben auf der Stirn. Die passende, musikalische Unterlegung ist nur ein Vorgeschmack auf einen bevorstehenden Ohrgasmus, erzeugt durch einen tollen Soundtrack, der Hand in Hand mit der visuellen Flut an atemberaubenden, bedrückenden und zugleich faszinierenden Szenen geht.
Eine derartige Genialität zieht sich durch die gesamte Laufzeit von ca. 98min und nicht alles sieht nach "geringem Budget" aus. Einige Sets wirken sehr anspruchsvoll (beispielsweise die auf dem Kopf stehende Wohnung Koens) und das Gezeigte verfügt sehr häufig über einen Hauch Surrealismus.
Dass es sich hierbei um einen Skandalfilm mit etlichen Tabubrüchen handelt, sollte vielen Lesern klar sein, ist Ex Drummer nicht ohne Grund Teil der Kino Kontrovers-Reihe, zu der sich auch der von uns bereits besprochene Menschenfeind gesellt. Kein handwerkliches Geschick, kein perfekt passender Track kann verbergen, dass die Geschichte in Dreck, Blut und Sperma zu ertrinken droht. Sämtliche Ereignisse werden ungeschönt dargestellt, die Kamera hält ständig drauf. Der Unterschied zwischen Gut und Böse wird explizit und antimoralisch auf den Zuschauer losgelassen: Der Drogentod eines Babys, der ausschweifende Aufenthalt in einer Psychatrie sowie schwule Vergewaltigungen sollten jedem Leser verständlich machen, worauf dieser sich einlässt. Obgleich derartige Szenen durchaus zu verschrecken vermögen, ist dieser Titel hier schon fast ein Pflichtwerk für Filmfanatiker. Da ändert auch der 50cm-lange Penis der Figur "Großer Schwanz" nichts dran.


Es sei gesagt, dass der Film nicht über viele Szenen voller Blut & Gedärm verfügt, sodass Gorehounds gleich wieder die Hände auf den Tisch legen können. Dennoch ist die Brutalität des Films immens und es gibt sogar leichte HC-Szenen zu sehen. Meine Verwunderung darüber, dass dieses Werk hierzulande ungeschnitten ab 16 Jahren freigegeben ist, lässt sich schwer in Worte fassen.
Die Leistungen der Schauspieler sind erste Sahne, üble Kritik ist vorallem in Anbetracht des geringen Budgets kaum möglich. Selbst die Filmförderung Belgiens wollte keinen Cent zur Ermöglichung des Streifens beitragen, basiert dieser auf einem Roman von Herman Brusselmann, der aufgrund seines Bildes gesellschaftlicher Strukturen zu einem Hassobjekt gemacht worden ist.


Die Geschichte wird sehr stilvoll präsentiert und im Großen und Ganzen gibt es kaum etwas zu kritisieren. Meine einzige Beschwerde liegt ziemlich in der Mitte des Films, hier kommt es hin und wieder zu ein paar Längen, was aber vollkommen zu verkraften ist. Auch Dries' Manipulation der Bandmitglieder oder der Kontrast zwischen den beiden Welten wird anhand von zerfallenden Sozialwohnungen und Luxus-Apartments wunderbar dargestellt.
Ex Drummer entspricht keiner Sehgewohnheit und ist vom Thema, aber auch vom Gezeigten, nichts für schwache Nerven. Doch es ist gerade das, was den Film zu dem macht, was er ist: Ein starkes Stück Zelluloid, das mit ordentlich Diskussionsstoff aufwartet. Absolute Empfehlung.


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Kommentare:

johndoeeffect hat gesagt…

bombe, alter! einer meiner absoluten lieblings-streifen auf ewig ...toll beschrieben und zusammengefasst, du hast es drauf!

ROBOENZA hat gesagt…

Vielen Dank, Kumpane. :-)

großgestreift hat gesagt…

Ich liebe den Film auch. Für seinen voyeuristischen Blick in die tiefsten Abgründe eines vergessenen Teils der Gesellschaft inklusive einer fiesen zweiten Ebene, die man durch Dries ungestraft ausleben darf, für seine grandiosen Bildkompositionen und für seinen brachial geilen Soundtrack, der imo seinesgleichen sucht.